Kirsten Boie Bücher

Leseprobe

Alhambra

Eine verschwundene Fliese - und eine fremde Welt
Aus: Kirsten Boie, Alhambra

Al-Andalus, April 1492
Das Erste, was Boston spürte, war die Wärme. Danach sah er, dass die Fliese nicht mehr in seinen Händen lag. Hatte er sie fallen lassen? Es hatte nicht geklirrt. Es war heller auf einmal.
Es war ja nicht so, dass er wirklich Zeit zum Nachdenken hatte, bevor er sah. Es waren ja nur Bruchteile von Sekunden, bevor er begriff und vor allem nicht begriff.
Die Gasse war verschwunden. Er stand, noch immer gebeugt wie über dem Karton vor dem Laden im Basar, auf einem weiß sandigen Weg, der aufwärts führte zwischen Zypressen und Pinien, breit genug, um der Sonne Zugang zu gewähren.
Das Erste, was er spürte, war Übelkeit. Als müsse er sich übergeben, während in seinem Kopf Gedanken durcheinanderwirbelten, Gefühle, alles war wirr, drehte sich.
Nein! Nein, nein!, dachte Boston und klammerte sich an dem Wort fest, das er als erstes aus dem Taumel in seinem Hirn zu fassen bekam. Nein, nein, nein!
Er taumelte an den Wegrand und unter die Bäume und übergab sich heftig. Nein, nein, nein.
Dann lag er auf dem Teppich aus Piniennadeln, während über ihm die lichten Zweige Sonnenstrahlen filterten. Er atmete schnell, heftig, sein Herz schlug, als versuche jeder Schlag den vor ihm noch zu überholen.
Pinien, dachte Boston. Ruhig werden. Ruhig werden. Pinien. Dies ist ein Wald.
Er zwang sich, seinen Blick wandern zu lassen. Durchscheinende Wipfel. Der Duft von Piniennadeln, fast Sommerduft. Es wird besser, dachte Boston
Nur nicht wieder dieses Schwirren im Kopf. Es ist ja alles in Ordnung. Dies ist ein Wald, ich liege auf dem Boden, ich kann alles sehen und verstehen. Nicht wieder dieses Schwirren im Kopf.
Er atmete langsamer. Dies ist ein Wald. Aber eben noch war ich in einer Gasse.
Sein Herz galoppierte noch immer, sein Atem jagte, langsam atmen, langsam atmen, aber das Schwirren kam nicht wieder.
Irgendwo aus der Ferne hörte er Geräusche, als würde Metall auf Metall geschlagen. Eine Stimme, die etwas rief, weit entfernt. Den Schrei eines Esels.
Er ließ die Augen geschlossen und erlaubte seinen Gedanken zu tun, was sie wollten. Die Verwirrung kam nicht wieder. Er begriff, was an diesen Geräuschen so merkwürdig war: All das, was fehlte.
Kein Motorenlärm, dachte Boston und war gleichzeitig erstaunt und glücklich, dass er etwas begriffen hatte und es in seinen Gedanken formulieren konnte, dass sein Gehirn also wieder funktionierte, wahrnahm, verstand. Wie tief muss dieser Wald sein, dass man keinen Motorenlärm hört. Und trotzdem hängt in der Luft ein Schleier aus Geräuschen, Stimmen, ein Holpern und Klappern, unvertraut.
Gut. Er konnte wieder nachdenken, das war gut. Wenn er wieder er selbst war, konnte alles andere nicht mehr so schrecklich sein.
Boston öffnete die Augen. Die Sonne schien noch immer durch die Pinienwipfel.

Isabella sah auf zum Himmel. Noch keine Sterne.
Ferdinand hatte sich verabschiedet, sie konnte sich denken, wohin. Boten waren gekommen mit Nachrichten, Bitten, Fragen; sie hatte mit dem Hauptmann der Burgwache gesprochen, einem klugen Mann; der Nachmittag war vergangen. Über den Dächern zeigte sich der Mond. Er war groß und rund und sah aus wie eine Orange.
Wie schön dies alles ist, dachte sie und ließ sich auf einem Sessel nieder, den ein Diener heraus in den Hof getragen hatte. Und zum Dank, Herr mein Gott, will ich tun, was in meiner Macht steht, um dafür zu sorgen, dass alle Ungläubigen bekehrt werden und Dich preisen wie ich, das gelobe ich bei allem, was mir heilig ist.
"Isabella?", sagte eine vertraute Stimme. Wen hatte die Wache um diese Zeit noch zu ihr vorgelassen?
"Mein Kind. Ich sehe, du schläfst noch nicht. Wie solltest du auch. Zu viele Sorgen lasten auf deiner Seele, habe ich Recht?"
"Erzbischof!", sagte Isabella. "Setzt euch zu mir. Ihr habt Recht, der Großinquisitor hat mich gebeten, dem Judenedikt Taten folgen zu lassen, und sah mich zögern. Aber endlich habe ich begriffen, dass ich tun muss, was er verlangt. Es geht um das Wohl des Reiches und um die Seelen der Ungläubigen."
"Nun, nun", sagte Talavera. "Du hast mich nicht um meine Meinung gebeten, mein Kind, darum nenne ich sie dir ungefragt. Dein Zögern hat dir besser angestanden. Der Großinquisitor ist gewiss ein rechtschaffener Mann, der seine Pflicht nach bestem Wissen zu erfüllen sich bemüht, aber ist er ein Heiliger, der behaupten könnte, als Einziger den Willen des Herrn ohne Zweifel zu kennen?"
Isabella wartete. Jeder wusste, dass der Umgang zwischen Talavera und Torquemada nur selten freundschaftlich war.
"Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich in vielem nicht mit dem Großinquisitor übereinstimme", sagte Talavera. "Das Edikt zur Vertreibung der Juden, das Du am letzten Tag des März unterzeichnet habt, ist, was immer Torquemada sagen mag, nicht aus christlichem Geist geboren. Und du weißt es, Isabella. Du weißt es, mein Kind."
Isabella drehte ihm den Rücken zu. "Der Herr hat mich bestimmt", murmelte sie. Wenn sie mit Talavera sprach, erschien alles verändert. Es konnte doch nicht sein, dass zwei Diener Gottes so gänzlich Unterschiedliches über den Willen des Herrn zu sagen hatten! "Meine Pflicht ist es, dieses Land zu bekehren."
"Recht so, mein Kind", sagte Talavera. "Recht so." Er seufzte. "Aber dann stelle ich dir meine Frage zum zweiten Mal: Kann man Menschen zum Glauben zwingen?"
Isabella schwieg. Spitzfindigkeiten, dachte sie. Das würde Torquemada jetzt sagen, Spitzfindigkeiten.
Talavera wartete, dann seufzte er.
"Ihr wollt, dass ich gehe", sagte er. "Bewegt in Eurem Herzen, was ich Euch gesagt habe. Ich will dafür beten, dass der Herr Euch den Weg zeigt. Es muss ja nicht gleich ein Wunder sein. Ihm wird schon auch etwas anderes einfallen."
Der Erzbischof lächelte. "Wie ich gesehen habe, seid Ihr schon dabei, die Koranverse aus Eurem Palast zu entfernen?", sagt er fast schon im Plauderton. "Wa-la ghaliba illa`llah? Ich sehe nicht, was an diesem Satz anstößig sein sollte, richtet das doch dem Großinquisitor aus mit einem freundlichen Gruß von mir. Er kann kaum etwas dagegen haben, wenn eure Wände verkünden, dass Gott allein der Sieger sei. Selbst wenn es der Koran ist, der das behauptet."
"Wir wissen nicht, wer die Fliese entfernt hat", sagte Isabella und bemühte sich, ihre Stimme ebenso gleichmütig klingen zu lassen. "Sobald sie gefunden wird, soll sie wieder eingesetzt werden. Der Frevler wird seine Strafe erhalten."

Während einer Sprachreise, die Boston mit seinem Spanischkurs in Granada verbringt, findet er sich auf rätselhafte Weise plötzlich im Jahr 1492 wieder. Das Jahr, in dem Kolumbus Amerika entdecken wird, das Jahr, in dem ganz Spanien endgültig aus maurischer in spanische Hand übergeht. Ein gefährliches Jahr - auch für Boston, der in die Hände der Inquisition gerät ...

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