Kirsten Boie Bücher

Leseprobe

Skogland

"Das ist ja krass!", schrie Tine. "Komm mal schnell, Mama! Papa, schnell, das müsst ihr sehen!"
Sie saß auf dem Wohnzimmersofa mit einer ganzen Hand voll Nüssen aus der Schüssel, die Mama immer auf den Tisch stellte, wenn es sonntagabends Tatort gab, die letzte Sendung, die sie immer noch alle drei gemeinsam sahen. Wenn sie ehrlich war, guckte Tine sie nur noch aus Freundlichkeit ihren Eltern gegenüber. Und weil es immer noch schön war, ab und zu mal einen gemütlichen Familienabend zu haben.
Aber jetzt liefen noch die Nachrichten.
"Was ist denn?", fragte ihre Mutter. Sie kam ins Wohnzimmer gestürzt mit einem Küchenhandtuch in der Hand. "Gott, ich dachte schon, dir ist etwas passiert! Wieso steh ich eigentlich die ganze Zeit allein in der Küche und trockne ab, und du sitzt hier und isst Nüsse?"
Tine hielt es nicht für nötig zu antworten. "Sie haben den Geburtstag der Prinzessin von Skogland gezeigt!", sagte sie. "Mist, jetzt ist es zu Ende."
"Skogland, das ist auch so ein äußerst dubioses Land", sagte ihr Vater. Inzwischen stand auch er in der Tür, einen Korb mit feuchter Wäsche auf der Hüfte. Tine musste zugeben, dass sie im Augenblick in dieser Familie die Einzige war, die faul auf dem Sofa saß und Nüsse aß. Aber wie gut, in diesem Fall wie gut!
"Jetzt lasst mich doch mal ausreden!", sagte Tine. "Und die Prinzessin - ich schwör's! - hat haargenau ausgesehen wie Jarven, nur in Blond! Aber das Gesicht war haargenau …"
"Dass du dir solche Hofberichterstattung anguckst!", sagte ihr Vater und war mit seinem Korb schon wieder auf dem Flur. "Lieber solltest du dich für die politischen Zustände bei den Skogen interessieren, da steht es nämlich wirklich nicht zum Besten! Ich will das hier noch aufhängen, bevor der Krimi losgeht. Iss uns nicht alle Nüsse weg! Und merk dir, was der Wetterbericht sagt!"
Tine sah ihm wütend nach. "Echt jetzt, Mama!", sagte sie. "Haargenau wie Jarven, aber haargenau!"
Ihre Mutter zog die Augenbrauen hoch. "Mich wundert, dass du dich über eine kleine Ähnlichkeit so echauf? eren kannst", sagte sie. "Irgendwer sieht immer irgendwem ähnlich. Komm lieber und hilf mir mit dem Geschirr."
Tine ließ sich auf dem Sofa zurückfallen. "Ich muss doch für Papa den Wetterbericht gucken", sagte sie.
Aber sobald ihre Mutter aus dem Zimmer gegangen war, griff sie zum Telefon. Das musste sie Jarven erzählen. Vielleicht konnte sie nachher die Spätnachrichten einschalten und ihre blonde Doppelgängerin im Fernsehen sehen. Unglaublich, was es alles gab.
Gegen acht Uhr kam ein Wind auf, gegen neun war er zum Sturm geworden. Die Bäume im Park bogen ihre Kronen, ab und zu brachen Zweige. Graue Wolken trieben über den Himmel und ließen ihn dunkel erscheinen, als wäre es Nacht, und der Sturm heulte wie ein Wolf (nicht dass Jarven schon einmal einen Wolf hätte heulen hören).
Jarven stand auf dem Balkon unter dem Seitenfenster und spürte ein unbändiges Glücksgefühl. Am liebsten hätte sie gegen das Unwetter angesungen. Alles, alles, alles schien auf einmal möglich. Sie war Jarven, die Schauspielerin, Malena, die Prinzessin, sie war Jarven im Glück.
Und was für ein Segen, dass sie jetzt nicht in der kleinen Privatmaschine saß und sich über dem Meer von Sturm und Wolken durchrütteln lassen musste! Alles passte perfekt.
Frau Tjarks und Herr Hilgard waren nicht einmal verwundert gewesen, als sie ihnen von Mamas Zustimmung berichtet hatte, natürlich, sie kannten Mama mit ihren ständigen Ängsten nicht.
"Das hatten wir ja auch gehofft!", hatte Hilgard gesagt und Bolström sofort eine Nachricht geschickt. Noch heute Abend würden auch der Vizekönig und die Prinzessin Bescheid wissen. Jarven hätte gerne einmal mit ihr gesprochen. Vielleicht hätte sie sie trösten können. Sie könnten Freundinnen werden, so ähnlich wie Tine und sie. Obwohl sie gar nicht mehr sicher war, ob Tine überhaupt noch ihre Freundin sein wollte, auf die SMS hatte sie nicht reagiert. Vielleicht, dachte Jarven, aber das konnte ja wohl nicht sein, war Tine neidisch.
Als die ersten Tropfen ?elen, schwere, große Tropfen, die sie einzeln auf ihren nackten Armen fühlte, trat sie einen Schritt zurück. Sie hörte, wie der Regen auf den Kies schlug, erst leise, dann immer lauter, immer schneller, hörte, wie die Kiesel gegeneinander gerieben wurden unter dem Gewicht des Wassers, sah, wie die Tropfen durch die Wucht des Aufpralls noch einmal ein wenig nach oben sprangen, als wollten sie zurückkehren in die Wolken. Es war der gewaltigste, wunderbarste Regenguss, den sie jemals erlebt hatte, und sie blieb in der geöffneten Fenstertür stehen und sah zu und lauschte.
Und da hörte sie ihn.
"Mali!", rief eine Jungenstimme.
Beim ersten Mal dachte sie noch, sie hätte sich verhört, hätte etwas in das Pladdern des Regens hineingelesen, was sie am Morgen in der Stadt erlebt hatte, es hätte sie nicht gewundert. Aber dann war sie sich sicher.
"Mali! Ich bin es!"
Jarven löste sich aus dem Schutz der Tür und trat zwei Schritte nach vorne. Sofort schlug der Regen ihr auf den Kopf, es dauerte nur Sekunden, bis ihr Haar in nassen Strähnen hing. Sie beugte sich über die Brüstung und sah nach unten.
"Hallo?", rief sie leise.
"Mali!", rief der Junge. Er hatte sich hinter einer großen alten Eibe verborgen gehalten, jetzt sprang er vor und stand unter dem Balkon, den Kopf nach oben gewandt, die Augen halb geschlossen zum Schutz vor dem Regen, der hart auf sein Gesicht aufschlug. "Was war denn das gestern Abend? Das Gespräch war ja plötzlich zu Ende!"
Die Erkenntnis durchzuckte Jarven wie ein Blitz. Der Vize könig hatte recht gehabt: Hier war er jetzt, der Junge von vorhin, den die Wachen in der Stadt gerade noch hatten abfangen können, bevor er sie im Auto angegriffen hätte, der Wahnsinnige, der glaubte, sie liebte ihn, er liebte sie. Er war ihr gefolgt, wie der Vizekönig vorhergesagt hatte.
"Wieso bist du nicht bei Liron?", rief er und wischte sich mit dem Unterarm das Wasser vom Gesicht. "Wieso …"
Liron?, dachte Jarven.
Irgendetwas passte nicht. Er sollte von Liebe reden, der Junge; wenn der Vizekönig recht hatte, sollte er Liebesschwüre stammeln, versuchen, zu ihr auf den Balkon zu gelangen, sie zu umarmen, zu küssen; stattdessen sprach er von -
"Liron?", ?üsterte sie. Sie musste Hilgard rufen; wenn der Vizekönig recht hatte, konnte der Junge gefährlich sein. Die Polizisten hatte er niedergeschlagen.
"Ja, verdammt, was war denn los?", rief der Junge. Er klang ärgerlich, verwirrt und ärgerlich zugleich. "Wir haben den ganzen Abend gewartet, dass du kommst! Wir hatten das Fernsehen an, weil sie doch irgendwann durchgeben mussten, dass die Feier abgesagt ist, aber nichts, und du kommst auch nicht, und dann sitzt du heute M orgen mit dem Silberfuchs im Wagen, als ob nichts wäre!"
Seine Worte waren im Prasseln des Regens nur schwer zu verstehen, trotzdem wusste Jarven plötzlich, dass er nicht wahnsinnig war. Nicht wahnsinnig und auch nicht verliebt. Beinahe fand sie es schade.
Aber warum war er dann hier? Einen Augenblick überlegte sie, was sie tun sollte. Sie hätte Hilgard und Tjarks Bescheid geben müssen. Aber sie konnte nicht glauben, dass der Junge ihr etwas tun würde, auf einmal nicht mehr. Viel eher klang es so, als ob er die Prinzessin wirklich kannte, vielleicht sogar mit ihr befreundet war. Wieso hatte dann ihr Onkel nichts davon gewusst?
"Mali?", rief der Junge jetzt wieder. "Wenn du willst, kannst du mitkommen! Der Zaun ist ein Witz, und die Hunde, du weißt ja, mit denen kann ich gut!"
Noch immer stand Jarven halb über die Brüstung gebeugt und hörte ihm zu; und noch immer wandte sich der Junge zu ihr nach oben, als warte er auf eine Antwort.
Dann sah sie ein plötzliches Erschrecken in seinen Augen. Der Junge machte einen Satz, drehte sich um und begann zu rennen. Wie ein Hase rannte er, schlug Haken zwischen den Bäumen, als würde er verfolgt, obwohl doch niemand ihn sah außer ihr, und war plötzlich verschwunden.
Torhof und Park lagen wieder verlassen.
Jarven trat in ihr Zimmer zurück und schloss die Fenstertüren. Sie zog ihre Kleider aus und drehte die Dusche auf, so heiß, dass es dampfte.
Dass sie auf einmal fröstelte, lag nicht nur daran, dass sie vom Regen nass war bis auf die Haut.

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